Myanmar: Ein jahrzehntelang andauernder Konflikt und immer noch keine Aussicht auf Besserung?!

Ein Leben gänzlich ohne politische Rechte und Möglichkeiten, beherrschende Furcht vor Gewaltakten gehören längst zum Alltag der muslimischen Minderheit im nördlichen Teil von Myanmar. Immer öfter geht das Militär Myanmars mit größter Brutalität gegen die ethnische Gruppe der Rohingya vor. Internationale Stimmen stufen diese gut strukturierte und von Gewalt geprägte Vertreibung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und als regelrechten Völkermord ein. Dieser Zustand sollte sich jedoch mit der ersten freien Wahl in Myanmar vor knapp 2 ½ Jahren (stand 2018) ändern. Damals gewann die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, in die Viele Hoffnungen zur Besserung gesetzt haben, haushoch. Schließlich gilt sie doch als Ikone der Freiheit und Menschenrechte?! Doch die Hoffnungen sind Hoffnungen geblieben. Die Vertreibung der Rohingya ist brutaler denn je, ohne Aussicht auf Besserung.

Die Rohingya haben keinerlei Anspruch auf Rechte, Bildung oder Arbeit, durch das 1982 verabschiedete Staatsbürgergesetz, welches die Rohingya staatenlos werden ließ. Die weit verbreitete Auffassung unter der überwiegend buddhistischen Bevölkerung führt immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Bereits 65.000 Anhänger der Rohingya sind aus Myanmar geflohen. Die meisten fliehen ins am Norden angrenzende, islamisch geprägte Bangladesch. Trotz der grausamen Schicksale der Rohingya fühlt sich keiner in diesem Konflikt für die muslimische Minderheit verantwortlich. So kam es zum Beispiel vor rund 2 Jahren dazu, dass die Rohingya zu tausenden in Booten auf den indischen Ozean, aus Angst vor der ausführenden Gewalt des Militärs, geflohen sind. Manche trieben mehrere Wochen auf dem Meer, ohne dass sich ein Staat für das Leid der Rohingya verantwortlich gefühlt hat, denn keiner wollte der ausgestoßenen Bevölkerungsgruppe Zuflucht gewähren. Einige Staaten (Malaysia, Indonesien und Thailand) gingen sogar soweit, dass sie die Boote teilweise zurück aufs Meer trieben, sobald diese ihre Küste erreicht hatten. Dieser Vorfall erlangte internationales Aufsehen, nachdem so lange nicht hingeschaut wurde.  Sowohl INGOS als auch IGOS, wie die UNO oder aber auch Human Rights Watch, beteiligen sich am Errichten von Flüchtlingslagern und an humanitärer Hilfe für die Rohingya. Doch offen gesagt sind die Bedingungen in den aus der Not hochgezogenen Flüchtlingslager schlecht. Die Kapazitäten der Lager sind gänzlich erschöpft und es retten sich täglich weitere über die Grenzen Myanmars. Es fehlt folglich an Nahrung, aber auch an sauberem Trinkwasser. Die Hygiene ist schlecht und die Chancen auf Infektionskrankheiten und sogar Epidemien sind hoch. Ganz zu schweigen von der oft stark beeinträchtigten Psyche vieler Kinder und Erwachsener. Viele Geflohene sind Opfer sexueller Übergriffe oder stark traumatisierenden Erlebnissen.

Seit Jahrzehnten kommt es immer wieder zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen den myanmarischen Buddhisten und den muslimischen Rohingya mit Verletzten und Toten auf beiden Seiten. In den Augen der Buddhisten Myanmars sind die Rohingya illegale Einwanderer aus dem benachbarten Bangladesch, obwohl diese zumeist schon über mehrere Generationen in Myanmar ansässig sind. Als Muslime sind sie weitestgehend verhasst und werden sogar als Aufständische oder Terroristen bezeichnet.

Seit jeher kämpft die muslimische Minderheit für mehr politische und kulturelle Autonomie. Es ist ein seit Generationen andauernder Konflikt, der sich nie ganz Lösen ließ und wie ein schlummernder Vulkan jederzeit zum Ausbruch bereit ist. Ein mächtiges Militärregime und die buddhistische Bevölkerung Myanmars gegen die Minderheit der Rohingya. Ein vorzeige Beispiel für die Ausführung eines asymmetrischen Kriegs. Er äußert sich etwa nicht nur in der strukturellen Gewalt, die die Ausbeutung und Repressionen umfasst. Sondern auch in kulturellen Diskriminierungen, denen die Rohingya aufgrund ihrer Religion und Ethnie erfahren.

Im Oktober 2016 eskaliert der Konflikt erneut. Es kommt zu einem Anschlag auf die myanmarische Grenzpolizei. Das Regime macht für den Gewaltakt eine Gruppe militanter Rohingya verantwortlich. Die folgenden Reaktionen des Militärregimes nehmen ungeahnt radikale Ausmaße an. Wie ein wild gewordenes Tier wütet das Militär gegen die unbeliebte ethische Gruppe. Es wird gebrandschatzt, gemordet und sogar vergewaltigt. Ganze Dörfer und Siedlungen werden ausgelöscht. Zahlreiche Rohingya verlieren daraufhin ihr Zuhause, Verwandte und Freunde. Drei Monate hält dieser Zustand des Chaos und unvorstellbarer Brutalität an. Mittlerweile sind laut Schätzungen der UNO knapp 70.000 Anhänger der Rohyngia ins am Norden angrenzende Bangladesch geflohen.

Eigentlich hofften alle, dass sich mit ihr alles ändern würde. Die an der Spitze stehenden Aung Sang Suu Kyi der NLD (Nationale Liga für Demokratie) löste im Frühling 2016 die rund ein halbes Jahrhundert andauernde Militärherrschaft ab. Es war die erste freie Wahl in Myanmar seit rund 50 Jahren. Die Konfliktlösung und Friedensfindung zwischen dem Militärregime und der bewaffneten ethischen Minderheiten wurde von der Partei zur höchsten Priorität erklärt. Und dennoch ist die Vertreibung der Rohingya radikaler und brutaler denn je. Die Menschenrechtlerin Aung San Suu Kyi hat bisher kaum bis gar nicht auf die aktuellen Überfälle auf die Rohingya Stellung genommen und steht deshalb auf der internationalen Ebene in der Kritik.

Doch die Verfassung von Myanmar unterbindet Aung San Suu Kyi die ersehnte Präsidentschaft und somit die nötigen Mittel, um das Land in den nationalen Frieden zu führen. Auch wenn das burmesische Militärregime formell von der Regierung der Macht entbunden wirkt, hat es noch überall seine Finger dazwischen. Aung San Suu Kyi sind die Hände gebunden, denn damit weitreichende demokratische Reformen der Partei verwirklicht werden können, müssen diese im Sinne des Militärs sein. Ist dies nicht der Fall kann das Militär sich seines Vetorechtes bemächtigen. Aung San Suu Kyi ist also mehr oder weniger die internationale Gallionsfigur von Myanmar. Die wirklichen Fäden in Myanmar aber werden von dem Militär gezogen.

Aber ist es dennoch möglich diesen  Konflikt ein für alle Mal vom Tisch zu schieben? Rückblickend auf die Jahrzehnte, in denen der Konflikt sich immer wieder zwischen dem myanmarischen Militärregime und der muslimischen Minderheit neu entflammte und abkühlte, könnte man vielleicht als Optimist den Konflikt in eine Art instabilen Friedens einstufen. Eine konkrete Konfliktlösung hingegen ist jedoch noch nicht in Sicht. Die Menschenrechtlerin Aung San Suu Kyi sind aus Angst vor dem Militär die Hände gebunden und das Militärregime und ein Großteil der Bevölkerung sieht die Rohingya als „illegalen Einwanderer“ und schreckt vor gewaltsamen Maßnahmen zur Vertreibung nicht zurück. Erschreckender Weise gelingt es ihnen mit zunehmenden Erfolg, denn der Wille zum Widerstand ist fast gänzlich gebrochen und so kämpft nur noch ein kleiner Teil der Rohingya für ihre Recht, sowie für politische und kulturelle Autonomie. Die Schuld ist durch blutige Auseinandersetzungen weder von dem myanmarischen Militärregime zu weisen, noch von der bestehenden Minderheit der Rohingya! Kriegerische Auseinandersetzungen mit fatalen Folgen beherrschen das aktuelle Bild Myanmars. Sie verschaffen mehr Probleme, als dass sie welche lösen.

In meinen Augen ist dieser Konflikt nur auf internationaler Ebene nachhaltig zu lösen, da es in diesem Konflikt um entschieden mehr geht als einen Interessenkonflikt. Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen sind neben brutalsten Auseinandersetzungen fester Bestandteil dieses asymmetrischen Krieges. Es obliegt in der Verantwortung internationaler Organisationen und Staaten sich dieser Sache anzuvertrauen und eine friedliche Lösung für den Konflikt zu suchen. Denn dieser Konflikt überschreitet schon längst die nationale Reichweite von Myanmar. Bereits fünf Länder sind in diesen Konflikt involviert. Es ist Zeit hinzuschauen und zu handeln!

 

Bochmann, Anett: Die Macht der Identität, Oktober 2017 URL: https://www.zeit.de/politik/ausland/2017-10/myanmar-rohingya-aufstand-islamophobie

tagesschau24: Rohingya-Konflikt eskaliert erneut, Mai 2017, URL: –https://www.tagesschau.de/ausland/rohingya-115.html

Lorch, Jasmin: Birma/Myanmar, März 2017, URL: http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54586/birma-myanmar

Abresch, Philipp: Myanmar: Aung San Suu Kyis Versagen – Das Schicksal der Rohingyas. URL: http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/Myanmar-Minderheit-Rohingya-100.html

 

MDR AKTUELL: Wer sind die Rohingya?,September 2017, URL: https://www.mdr.de/nachrichten/wer-sind-die-rohingya-100.html
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Eine Antwort auf Myanmar: Ein jahrzehntelang andauernder Konflikt und immer noch keine Aussicht auf Besserung?!

  1. AnnB sagt:

    Liebe Lare,
    dein Kommentar ist meiner Meinung nach sowohl inhaltlich als auch sprachlich äußerst gelungen! Mithilfe deiner beindruckend detailierten Recherche und deinem schlüssigen und argumentativ überzeugendem Fazit ist dein Text sowohl leicht und flüssig zu lesen als auch spannend und informativ.
    Leider ist dir ein kleiner Flüchtigkeitsfehler unterlaufen: Die Konflikteskalation war im Oktober 2017, nicht 2016. Abgesehen davon ein sehr gelungener Kommentar.

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