Die Vertreibung der Rohingya aus Myanmar – ist Frieden möglich?

Sie wurden von der UN als die wohl „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ eingestuft: Die Rohingya. Vor einem halben Jahr waren sie auf Grund eines eskalierenden Konfliktes mit der Regierung Myanmars fast wöchentlich in den Nachrichten. Doch was passierte wirklich, und vor allem, warum? Ist Frieden möglich? Ein Kommentar.

Die Rohingya sind eine Ethnie sunnitischer Muslime, die hauptsächlich im Norden Myanmars im Bundesstaat Rakhine, nahe der Grenze zu Bangladesch leben. Im Herbst 2017 waren es etwa eine Millionen.

Jedoch besagt das Staatsbürgerschaftsgesetz Myanmars von 1982, dass die Rohingya keine der in Myanmar einheimischen 135 Bevölkerungsgruppen sind, demnach haben sie keinen Anspruch auf die myanmarische Staatsbürgerschaft und somit auch fast keine Rechte: kein Wahlrecht, kein Zugang zu höherer Bildung, keine offizielle Ausreise, Grundbesitz wird beschlagnahmt, Privatbesitz zerstört oder gestohlen. Eigenartige Regelungen bestimmten etwa, dass Rohingya nur zwei Kinder haben dürfen, mit der Begründung, dass zahlreiche Kinder die Ursache der Konflikte zwischen Muslimen und Buddhisten seien. Des Weiteren müssen die Rohingya Sondersteuern zahlen, Zwangsarbeit leisten, Heiratsbeschränkungen akzeptieren und sind immer öfter Opfer von illegalen Inhaftierungen, Folter, Vergewaltigungen und Morden. Auch die vielen Rohingya, die in den Nachbarstaaten im Exil leben, haben es schwer: Myanmar sorgt dafür, dass sie auch im Ausland Opfer illegaler Verhaftungen sind.

Das Ziel der Regierung von Myanmar ist in diesem Fall, den Staat in eine buddhistische Region umzuwandeln und die Muslime zu einer kleinen, überschaubaren Minderheit zu machen. Aufgrund der Diskriminierungen und Repressionen gab es in der Vergangenheit dieses Konfliktes immer wieder große Flüchtlingsströme, die Myanmar verließen: 1942, 1962, 1978, 1991 und natürlich 2017. Doch auch die vermeintlich sicheren Nachbarstaaten sind den Rohingya gegenüber nicht besonders gastfreundlich, 2009 etwa schob Thailand rund 1000 Flüchtlinge einfach auf offenen, motorlosen Booten aufs offene Meer ab. 500 Rohingya ertranken, der Rest konnte noch rechtzeitig vor der Küste von Indien und Indonesien aufgegriffen werden.

Doch der Myanmar-Rohingya-Konflikt eskalierte erst ab dem 25.08.2017, als die Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) Angriffe auf verschiedene Ziele in Myanmar verübte.

Die Regierung startete sofort eine Gegenoffensive: Armee und Polizei, die Angst vor einem möglichen Aufstand der Rohingya hatten, gingen auf die Minderheit los, die sich ihrerseits vor dem Militär fürchtete. Als Folge dessen flohen zahlreiche Buddhisten oder wurden evakuiert, während ein riesiger Flüchtlingsstrom aus Rohingya sich in die andere Richtung bewegte, nach Bangladesch.

Die Regierung Myanmars hatte nun einen hervorragenden Grund gefunden, gegen die Rohingya vorzugehen, das Militär besetzte Dörfer, brannte Häuser und Hütten nieder und begangen schreckliche Verbrechen an denen, die noch nicht geflohen waren. Laut der UNHCK waren nach nur einer Woche bereits 58.000 Flüchtlinge in Bangladesch, zwei Wochen später waren es bereits 120.000.

An diesem Punkt rief die ARSA eine einmonatige Waffenruhe aus, damit Hilfsgüter an bedürftige Rohingya nach Rakhine schicken konnten. Im Zuge dieses kurzen Friedens nutzte die Premierministerin Bangladeschs die Chance, an Myanmar zu appellieren, dass sie die Flüchtlinge wieder aufnehmen sollten, deren Zahl inzwischen auf 370.000 gestiegen war.

Die Kämpfe gingen weiter, und die UN verurteilte die Vertreibung der Rohingya als ethnische Säuberung, angelehnt an die Aussage der Rohingya, das Militär hätte sie systematisch vertrieben.

Als die Zahl der Flüchtlinge in Bangladesch 400.000 erreichte, begann die Regierung die Rohingya in Lagern zu versammeln und bat sie, Unterkunft bei Freunden und Verwandten zu suchen. Die Zahl würde Ende Oktober auf eine Million steigen.

Inzwischen übten viele Regierungen Druck auf Myanmar aus, alle waren sich einig: Die Maßnahmen Myanmars gegen die Rohingya waren unmenschlich und wurden als falsch verurteilt. Myanmar reagierte, eingeschüchtert, einsichtig und kündigte am 19. September eine friedliche Rückführung für die Rohingya an – allerdings erst im November.

Das war auch bitter nötig, denn die Bedingungen im Lager waren katastrophal. Jedes dritte Kind war unterernährt, es gab fast keine Ambulanzen, weshalb sich auch Krankheiten wahnsinnig schnell verbreiteten. Die Leute hockten den ganzen Tag zusammengepfercht aufeinander, teilweise zutiefst verstört und traumatisiert. Hinzu kamen noch viele einzelne Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, auf der Flucht oder für immer.

Die Flüchtlinge durften jetzt schließlich offiziell zurückkehren, waren jedoch obdachlos, denn ihre Dörfer und Hütten waren während ihrer Abwesenheit dem Erdboden gleichgemacht worden. Die geplante Rückführung fand nicht statt, da die Rohingya sich immer noch nicht zurück trauten, ein riesiger Stacheldrahtzaun war an der Grenze errichtet worden, myanmarische Soldaten patrouillierten an der Grenze. Die vielen Flüchtlinge konnten und wollten nicht zurück nach Rakhine, wo ihre Häuser zerstört und ihre Verwandten ermordet worden waren.

Die Vorfälle in Myanmar wurden international verurteilt, Menschenrechtsexperten sprachen von „Völkermord“, die UN und US-Außenminister Rex Tillerson von einer „ethnischen Säuberung“. Der Staatschefin Myanmars, Aung Sun Suu Kyi, die vorher so sehr für ihre diplomatische Rückführung gelobt worden war, wurde der Elie-Wiesel-Preis für Menschenrechte entzogen. Sie hatte versagt.

Bis heute befinden sich noch viele Rohingya in Lagern in Bangladesch, zu verängstigt, um in ihre  Heimat zurückzukehren. Ein Ende des Konfliktes ist momentan noch nicht absehbar.

Ist Frieden möglich? Ich denke nicht. Zu lange schon herrscht Unfrieden zwischen den Rohingya und den myanmarischen Buddhisten. Der Hass zwischen den Ethnien ist zu groß, die Taten beider Gruppen zu grausam, der Graben zu breit, um herüberzuspringen. Beide Parteien haben Schreckliches einander angetan, und vor allem die grausamsten Taten sind es, die sich am effektivsten in die Gedächtnisse der Menschen einbrennen, und so wird der Hass von Generation zu Generation weitergetragen.

Dennoch ist es sehr bedauerlich, dass zwei Ethnien sich derart verabscheuen, obwohl sie doch nur durch die Religion getrennt sind, auch eine Religion wie der Buddhismus, die doch ständig den Frieden predigt. Aber ob die Rohingya jemals in ihre Heimat zurückkehren, geschweige denn dort in Frieden leben können? Ich denke nicht – wir werden es sehen.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rohingya

https://www.zeit.de/2017/20/rohingya-myanmar-muslimische-minderheit-fluechtlinge-kutupalong

http://www.faz.net/aktuell/politik/thema/rohingya

https://www.tagesschau.de/thema/rohingya/

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Eine Antwort auf Die Vertreibung der Rohingya aus Myanmar – ist Frieden möglich?

  1. R. sagt:

    Liebe AnnB,

    ein wirklich beeindruckend gut recherchierter, detaillreicher Artikel, der in seiner Zuspitzung auf das Fazit, Frieden sei unmöglich, sehr überzeugend ist. Dieses Fazit hingegen hinterlässt ratlose Leser: Wie kann es also weitergehen? Statt eines fatalistischen Achselzuckens wären Überlegungen zu Lösungsansätzen und deren Bedingungen konstruktiver. Alles in Allem dennoch sehr gelungen!

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