Die Moderne – „Motor des Terrorismus?“

Wie entsteht Terrorismus und wo liegen dessen Ursachen? Terrorismus kann ökonomische, politisch-ideologische oder psychologische Wurzeln haben. Es kann kaum ein typisches Modell kreiert werden, dass auf jede Form des Terrorismus zutrifft oder auch die Ursache von Terrorismus 1:1 abbildet.

Wie passen Moderne und Terrorismus zusammen?
Die Moderne, geprägt durch Kunst und Kultur beginnt mit der Industrialisierung um 1900 und reicht bis in die heutige Zeit. So hat beispielsweise Franz Kafka um 1920 in seinem unvollendeten Roman „Der Verschollene“ einen zentralen Aspekt der Moderne beschrieben. Urbanisierung und Industrialisierung lassen den einzelnen Menschen als Individuum völlig untergehen. Werte und Normen, die zu unserem Leben Halt gegeben haben, sind verschwunden – geradezu verpönt. Selbstbestimmung ist das neue Modewort.
Die Wissenschaft hat das kopernikanische Weltbild widerlegt und stellt alte religiöse Vorstellungen, wie z. B. das Leben im Paradies in Frage.
Doch was hat das harmlose gelbe „Reclam“ Heft von Kafka mit dem heutigen Terror in der Welt zu tun?
Ich denke, dass der Übergang in die Moderne unsere Welt ganz ordentlich aus dem Konzept gebracht hat. Wenn die Wissenschaft Beweise liefert, dass das Paradies nicht existiert oder aber Gott die Erde, nicht wie in der Schöpfungsgeschichte beschrieben, in sechs Tagen erschaffen hat, wie kann es dann sein, dass im Jahre 2015 noch immer so etwas wie Religionen vorhanden sind?
Im Zuge der Modernisierung und der Wissenschaft müsste doch jedes Individuum ein selbstbestimmtes Leben fernab aller Religionen führen. Wie kann es aber sein, dass heutzutage Terroranschlägen verübt werden, die unter dem Deckmantel einer strengen Religionsausübung erklärt werden?
Meines Erachtens tut sich der moderne Mensch unglaublich schwer, ganz ohne Vorbild sein Leben zu gestalten. Seit der Epoche der Moderne fühlt er sich entwurzelt und verloren. Denn was ist noch sicher, abgesehen vom Moment an sich? Wo sind all die Werte und Normen geblieben, die mich von zerstörerischer Unmoral fernhalten?

Samuel Huntington, Politikwissenschaftler in den USA beschreibt im Essay „Kampf der Kulturen“ , dass Konflikte zukünftig immer mehr aufgrund kultureller Unterschiede entstehen, und dass politisch-ideologischen Ursachen immer stärker in den Hintergrund rücken. Modernisierung und globale Vernetzung lassen verschiedene Kulturen aufeinander prallen und führen dazu, dass die ureigene Kultur häufig als einzig wahre erscheint. „Durch die Konfrontation mit anderen Kulturen spitzen sich kulturelle Auseinandersetzungen zu…“, so Huntington.
Kultur beinhaltet Sprache, Religion, Nation, Wertvorstellung, Sitten usw. besonders am Aspekt der Religion verifiziert sich meine These, dass die Modernisierung den Terrorismus vorantreibt. Denn durch die völlige Entwurzelung sucht sich der Mensch häufig eine Religion als Halt, vielleicht sogar, um der Moderne zu trotzen. Und wenn im Zuge der Rationalisierung im Grunde nichts zählt außer der Moment an sich, Werte und Normen kaum noch existieren, dann wird möglicherweise mit aller Kraft die eine Religion mit Gewaltaktionen verteidigt.

Ich möchte mit diesem Eintrag nicht den Eindruck erwecken, einer der Menschen zu sein, die Sätze wie „früher war aber alles besser“ von sich geben. Dennoch denke ich, dass der Übergang in die Moderne bis heute von der Gesellschaft noch nicht „verdaut“ wurde. Altherkömmliches wird zunehmend auf die Probe gestellt. Somit birgt die Moderne viele, den Terror begünstigende Aspekte.
Quelle:  Ingo Langhans/ Stefan Prochnow
Arbeitsbuch politik. Wirtschaft. Gesellschaft.
„Friedenssicherung im 21. Jahrhundert“, Sek 2
Auer Verlag GmbH, 1. Auflage 2011

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3 Antworten auf Die Moderne – „Motor des Terrorismus?“

  1. Chi sagt:

    Hallo Alina,

    dir ist dein Artikel zum Thema der Modernen, welche als möglicher „Antriebsmotor“ für Terrorismus dient, wirklich gut gelungen und du hast dabei mit dem Bezug auf Franz Kafka gute Beispiele gegeben. Sehr passend finde ich deine Erläuterungen zur Entwurzelung der Menschen durch die Moderne und die damit verbundene Gegenüberstellung zur Religion, bzw. des Altherkömmlichen.

    Wenn ich dich richtig verstehe, meinst du, dass die fehlende Individualisierung, bzw. der Untergang des Individuums ein wichtiger Faktor für den Terrorismus sei. Dabei sehe ich einen gewissen Widerspruch, wenn du direkt danach von „Selbstbestimmung“ redest, denn meiner Meinung nach, kann man etwas nicht für sich selbst bestimmen, wenn man kein Individuum ist, also mit der Masse mitschwimmt, sich anpasst und abhängig ist. Die Begriffe „fehlende Individualisierung“ und „Selbstbestimmung“ kann man meiner Meinung nach nicht in Einklang bringen.

    Des Weiteren denke ich, dass sowohl eine negative Individualisierung (wie du sie auch beschrieben hast, z.B. die der Angestellten) durch die Moderne entsteht, was Kafka auch in seinem Werk „Der Verschollene“ vorstellt, als auch, und das ist ein neuer Punkt, eine positive Individualisierung durch die Moderne geschaffen wird, was ebenfalls in Kafkas Roman deutlich wird (z.B. die des Onkels). Menschen mit dieser positiven Entwicklung haben aus dieser Zeit neues Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und subjektiven Erfolg gewonnen und sind damit, zumindest in der Gesamtheit, nicht so anfällig für Terrorgedanken. Auch wenn diese Menschen nicht so stark vertreten sind, wie diejenigen, welche die negative Individualisierung repräsentieren, so sind sie dennoch in der heutigen Gesellschaft vorhanden. Meiner Meinung nach kann man die Moderne nicht als wirklichen Kernmotor des Terrorismus sehen.

    Außerdem denke ich, dass die Moderne weitere Faktoren enthält, die Ursachen für den Terrorismus sein könnten. Zum Beispiel spielt die Differenzierung eine ebenso große Rolle, wie die Isolation und die Entfremdung/ Vereinsamung des Menschen. Die Welt wird entzaubert, es wird rational gedacht und die Darstellung der subjektiven Wahrnehmung wird wichtiger. All diese Faktoren könnten die Menschen auf Gedanken von Gewaltakte bringen. Somit ist ergänzend zu deiner These zu sagen, dass die Moderne eher eine politisch-ideologische und evtl. auch eine psychologische Ursache ist, als eine ökonomische. Menschen brauchen Identifikationsmuster, an denen sie sich festhalten können und die ihnen der moderne Staat nicht geben kann. Auch könnte die wachsende Angst um die eigene Existenz durch die fortschreitende Moderne verbreitet werden. Insgesamt kann man sagen, dass die Moderne einen Umbruch in eine neue Welt zeigt, mit der sich manche Menschen nur schwer anfreunden können. Das heißt weg von allem Alten, wie Bräuche, Traditionen, Religion, Normen oder Sitten und hin zu den neuartigen Erfindungen und Lebensweisen.

    Letztendlich stimme ich aber größtenteils mit dir überein und finde deine Erklärung sehr schlüssig und verständlich. Ich komme, ebenso wie du, zu dem Fazit, dass die Moderne als Teilmotor für den Terrorismus dient und der Mensch eben gerade durch diese neue und fortschrittliche Moderne festen Halt in der altherkömmlichen Religion sucht, welche ihm Schutz und Identifikationsmöglichkeiten zwischen all dem Neuen bieten soll.

  2. 123 sagt:

    Liebe Ines.Alina.W,
    du sagst, dass Urbanisierung und Industrialisierung den einzelnen Menschen als Individuum völlig untergehen lassen, doch ich denke es kommt darauf an wie die Menschen mit der Modernisierung umgehen. Nicht jeder lässt sich von den Veränderungen negativ beeinflussen, sondern viele schaffen eine erfolgreiche Individualisierung und gehen selbstbewusst und gestärkt aus ihren Erfahrungen hervor.
    Du sagst zudem, dass die Modernisierung zur Konfrontation mit anderen Kulturen führt und hauptsächlich kulturelle Unterschiede Konflikte entstehen lassen. Ich denke schon, dass aufgrund kultureller Unterschiede gewisse Konflikte entstanden sind und auch noch entstehen werden, aber ich denke keinesfalls, dass diese Unterschiede die einzigen Gründe für solche Auseinandersetzungen sind. Trotz unterschiedlicher Sichtweisen sind oft Kooperationen möglich und Gewalt ist nur die Ausnahme.
    Außerdem bist du der Meinung, dass die Menschen sich aufgrund der Entwurzelung oft eine Religion als Halt suchen, „um der Moderne zu trotzen“. Sicherlich ist das bei einigen so, doch das geschieht nicht erst seit dem Einbruch der Moderne. Viele Menschen suchten sich schon in der Vergangenheit Mut und Halt in einer Religion und man kann nicht davon sprechen, dass dies erst in den letzten Jahren stattfand. Zudem denke ich, dass man nicht davon ausgehen kann, dass die Menschen sich eine Religion als Halt suchen, nur „um der Moderne zu trotzen“, wie du sagst. Ich denke viele Menschen haben auch andere Gründe sich einer Religion anzuschließen und nicht nur weil sie mit den Veränderungen, die solch eine Epoche mit sich bringt, nicht zurechtkommen.
    Du sagst ebenfalls, dass die gewählte Religion dann mit allen Mitteln verteidigt wird, möglicherweise mit Gewalt aber ich denke solches Verhalten kann man keinesfalls pauschalisieren.
    Schließlich sagst du, dass „die Moderne viele, den Terror begünstigende Aspekte“ birgt. Teilweise stimme ich dir in dem Punkt zu, doch ich bin nicht der Meinung, dass die Moderne den Terror antreibt. Jeder Mensch reagiert anders auf die Veränderungen die die Zeit mit sich bringt und es gab schon immer welche, von denen sich einige Menschen angegriffen gefühlt haben.
    Abschließend finde ich, dass dein Artikel sehr interessant geschrieben ist und ich in manchen Punkten mit dir übereinstimme.

  3. A sagt:

    Hi Alina,

    dein Artikel zum Thema Moderne als Motor des Terrorismus´ ist dir gut gelungen, wie ich finde. Deine Schlussfolgerung sehe ich durchaus als logisch an, jedoch kann ich dir in einigen Punkten nicht zustimmen.

    Zunächst was deine These betrifft: Du meinst, dass der Mensch aufgrund der Moderne entwurzelt ist und sich deshalb Halt in seiner Kultur, insbesondere seiner Religion sucht, die er bereit ist notfalls zu verteidigen. Diese These finde ich sehr pauschalisierend. Nicht nur sagst Du, dass die Moderne alle Normen und Werte genommen hat. Sondern du drückst im Grunde aus, dass die Religion als einziger Halt agieren kann und ihre Verteidigung Gewaltaktionen rechtfertigt.

    Des Weiteren widersprichst du dir selber, indem du in deinem ersten Abschnitt erst schreibst, dass das Individuum aufgrund der Industrialisierung untergehe, jedoch kurz danach erwähnst, dass Selbstbestimmung das neue Modewort sei. Selbstbestimmung und Individualismus sind untrennbar miteinander verbunden.
    Darüber hinaus sehe ich hier keine eindeutige Definition der Moderne. Die klassische Moderne reicht von der europäischen Aufklärung bis zum ersten Weltkrieg, wo sie ihr Ende nimmt und in eine Postmoderne übergeht. Diese klassische Moderne ist von politischem Fanatismus geprägt. Religiöser Fanatismus wird erst später bekannt (um die 80er Jahre). Man muss sich hier also die Frage stellen, ob die Moderne im engeren Sinne dann überhaupt ein Grund für Terrorismus sein kann, wenn sie doch gar nicht bis zum Ausbruch religiös motivierter terroristischer Akte reicht.

    Du bist der Meinung, dass die Moderne Normen und Werte verschwinden lasse. Der Mensch sei „entwurzelt und verloren“. Der Glaube ist für dich somit nicht länger ein Wert, an dem der Mensch festhält. Ich denke aber, dass im Zuge der Moderne die Religion einfach neben ein selbstbestimmtes Dasein gestellt wird. Die Zugehörigkeit zum Glauben ist weiter vorhanden, genauso wie die Werte, die dieser Glaube mit sich bringt. Die Selbstbestimmung liefert meiner Meinung nach weitere Wertvorstellungen, die neben die durch die Religion gestifteten gesetzt werden und erweitern damit den Wertekanon eher, als dass sie ihn verschwinden lassen.
    Zuletzt möchte ich einmal auf die positiven Aspekte der Modernisierung hinweisen. Du sprichst die Globalisierung und die globale Vernetzung an und meinst, dass der Mensch dadurch seine Kultur als die einzig wahre ansehe. Denkst du nicht, dass diese Modernisierungsprozesse auf der anderen Seite vielmehr zu Toleranz und Transparenz führen?
    Zusammenfassend frage ich mich nachdem ich deinen Artikel gelesen habe, ob die Moderne eigentlich ein Grund für Terrorismus sein kann. Denn ich bin nicht der Meinung, dass die Moderne zwingend eine Entwurzelung der Menschen mit sich bringt, wie ich bereits erläutert habe.
    Eher denke ich, dass der Terrorismus, also das Gewaltbereitsein, um die eigene Religion zu verteidigen, aus reinem Machtanspruch resultiert. Dieser manifestiert sich nicht nur durch barbarische Unterwerfung der Bevölkerung beispielsweise im von den Taliban kontrollierten Afghanistan oder in den durch die IS besetzten Gebieten, sondern auch durch die Auslöschung von Kulturgütern durch die IS. Gerade in letzterem Beispiel wird vielmehr die „kulturelle Festplatte“ von Völkern gelöscht, als dass man sich auf ihre Wertstiftung besinnt.

    Insgesamt kann ich deine Folgerungen also durchaus nachvollziehen, bin aber grundsätzlich anderer Meinung, was die Auswirkungen der Moderne auf den Terrorismus angeht.

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